So arbeite ich
Dokumentarische Fotografie entsteht für mich aus Beobachtung, Erfahrung und Begegnung. Ich bereite mich auf meine Aufträge vor, lerne die Situationen vor Ort kennen und spreche mit den Menschen, die daran beteiligt sind. Dabei versuche ich, offen zu bleiben für das, was sich entwickelt – und für das, was sich nicht planen lässt.
Erst verstehen, dann fotografieren

Im LVR-Freilichtmuseum Lindlar habe ich zunächst mehrere Stunden an verschiedenen Stationen verbracht. Ich habe beobachtet, Gespräche geführt und versucht, die Menschen bei ihrer Arbeit so zu fotografieren, wie sie tatsächlich stattfindet.
Die Begegnung mit dem Landwirt, seinem Kaltblut und den Besucher:innen ergab sich erst am späten Nachmittag. Das Licht, die langen Schatten und die Menschen vor Ort kamen zusammen. Nichts musste aufwendig inszeniert werden.
Mir ist wichtig, die Situation zunächst zu verstehen. Gespräche schaffen Vertrauen und helfen mir, mich mit dem Ort und den Menschen vertraut zu machen. So entstehen Bilder, die nicht nur eine Tätigkeit zeigen, sondern auch etwas über die Menschen und ihre Begegnung miteinander vermitteln.
Menschen nicht auf eine Rolle reduzieren

Bei einem Besuch in einer Halle der Modelleisenbahnfreunde in Overath entstand das Bild eines Mannes, der einen Eisenbahnwaggon repariert. Ich hatte zuvor bereits mit dem Leiter der Gruppe gesprochen und mich mit der Umgebung vertraut gemacht.
Als ich den Mann fragte, ob ich ihn bei seiner Arbeit fotografieren dürfe, arbeitete er konzentriert weiter. Ich musste nicht lange fotografieren. Die Situation war bereits vorhanden; ich musste sie nur aufmerksam wahrnehmen.
Mich interessiert der Mensch hinter einer Tätigkeit oder Funktion. Deshalb versuche ich, nicht nur das Ergebnis einer Arbeit oder eine Berufsrolle zu zeigen, sondern auch die Konzentration, die Erfahrung und die Selbstverständlichkeit, mit der jemand seine Arbeit verrichtet.
Den Moment erkennen

Beim Pflanzen eines Baumes fotografierte ich einen Vater und seinen Sohn. Ich ließ mir erklären, was sie gerade machten und welcher Arbeitsschritt als Nächstes folgen würde. So konnte ich mir vorstellen, welche Situation sich fotografisch ergeben könnte.
Für die Aufnahme bat ich beide, einen Arbeitsschritt noch einmal auszuführen. Ich erklärte dem Vater, weshalb eine andere Körperhaltung für die Bildwirkung günstiger wäre, und begab mich selbst auf den Boden, um eine geeignete Perspektive zu finden.
Dokumentarische Fotografie bedeutet für mich nicht, grundsätzlich auf jede Einflussnahme zu verzichten. Entscheidend ist, wie ich mit der Situation umgehe. Ich möchte verstehen, was geschieht, und gemeinsam mit den Beteiligten einen Moment sichtbar machen, der ihre Tätigkeit nachvollziehbar zeigt.
Das Geschehen im Zusammenhang zeigen

Bei einem Termin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sollte die Arbeit mit einer speziellen Versuchsanordnung fotografisch nachvollziehbar werden. In dem Raum waren viele weitere Fotograf und Textreporter unterwegs. Der Platz war begrenzt, die Zeit knapp und die Lichtverhältnisse waren anspruchsvoll.
Ich musste entscheiden, welche Perspektive den Menschen, die Apparatur und den Zusammenhang ihrer Arbeit am besten sichtbar machte. Dabei ging es nicht allein darum, eine Person möglichst vorteilhaft abzubilden. Auch die technische Umgebung sollte verständlich werden.
Mich interessiert, wie Menschen, Arbeitsmittel und räumliche Bedingungen zusammenwirken. Ein Bild kann mehr erzählen, wenn es nicht nur einen Ausschnitt zeigt, sondern erkennen lässt, in welchem Zusammenhang etwas geschieht.
Menschen und ihre Arbeit sichtbar machen

Der Tag des Schwimmmeisters 2024 war Anlass für eine Geschichte über die drei Fachangestellten für Bäderbetriebe im Freibad Rösrath-Hoffnungsthal. Auf Anregung der Redaktion nahm ich Kontakt zu den Stadtwerken Rösrath auf und vereinbarte mit dem Leiter des Freibads einen Termin, an dem alle drei Schwimmmeister vor Ort sein würden.
Ich plante ausreichend Zeit für die fotografische Begleitung ein. Anfangs musste ich erst Vertrauen aufbauen. Die drei sind es gewohnt, im Freibad präsent zu sein und für die Sicherheit der Badegäste zu sorgen. Eine längere fotografische Begleitung gehörte dagegen vermutlich nicht zu ihrem Alltag. Deshalb erklärte ich, was ich vorhatte, und fragte auch zwischendurch, ob sie weitermachen möchten.
Mir ging es darum, nicht nur die Funktion der Schwimmmeister:innen zu zeigen, sondern auch ihre Kompetenz, ihre Präsenz und ihre Menschlichkeit. Sie sind ein Team, zugleich aber drei unterschiedliche Persönlichkeiten. Das sichtbar zu machen, erforderte Zeit, Beobachtung und einen Umgang miteinander, bei dem sich niemand verstellen musste.
Ich nehme mir für solche Begegnungen bewusst Zeit. Denn auch Menschen, die nicht als Models vor der Kamera stehen, haben etwas Besonderes. Meine Aufgabe sehe ich darin, es wahrzunehmen und in Bildern sichtbar zu machen.
Den Auftrag im Blick behalten

Gute Bilder entstehen nicht allein im Moment des Auslösens. Zu meiner Arbeit gehört deshalb auch eine gründliche Vorbereitung. Ich informiere mich über den Ablauf einer Veranstaltung, prüfe mögliche Standorte und berücksichtige, wie sich Licht und Schatten im Tagesverlauf verändern.
Bei einer Seifenkistenveranstaltung in Overath habe ich vorab untersucht, wann die Sonne den Bereich der Anmeldung erreichen würde. Mithilfe einer Sonnenstands-App konnte ich einen geeigneten Standort bestimmen, an dem die Anmeldung später im Schatten lag. Solche Entscheidungen beeinflussen, unter welchen Bedingungen ich fotografieren kann und welche Bilder möglich werden.
Während des Termins behalte ich den Auftrag und die Anforderungen der Redaktion im Blick. Anschließend wähle ich die aussagekräftigen Aufnahmen aus und liefere sie im vereinbarten Rahmen und fristgerecht. Vorbereitung, Beobachtung, Bildauswahl und Lieferung gehören für mich zusammen.